
Das Tor Der Engel
Ein Roman über das Unsichtbare hinter dem Sichtbaren
Die Geschichte des Marc Miguel Marquês
Ein Leben auf der Suche nach seinem Sinn
Der Boden des Romans
Der Text beginnt in einem vertrauten Alltag. In beruflichen Routinen, Aufgaben und wiederkehrenden Abläufen. Der Protagonist bewegt sich sicher in einer Welt aus Wissen, Analyse und Struktur. Der Weg in die Wissenschaft war einst Ziel und Versprechen zugleich. Mit der Zeit zeigt sich darin eine innere Spannung. Denken bringt Ordnung hervor und stößt zugleich an Bereiche, die sich dem Zugriff entziehen. Aus dieser Verschiebung entsteht eine Zerrissenheit, die Aufmerksamkeit verlangt. Eine Frage tritt zunehmend in den Vordergrund: Wer bin ich – jenseits dessen, was ich tue?
Eine Einladung unterbricht diesen Rahmen. Sie führt an einen abgelegenen Ort, auf eine private Insel. Abseits von Erwartungen und Zuschreibungen öffnet sich ein anderer Blick. Von hier aus führt der Weg zurück in die Kindheit. In frühe Bilder, Gerüche und Erinnerungen. In Zeiten, in denen Wahrnehmung keiner Einordnung bedurfte – einer Spur, die noch keine Ziele kannte.
An dieser Stelle öffnet sich der Text weiter. Eine Schwelle wird sichtbar, an der Wirklichkeit mehr umfasst als das unmittelbar Wahrnehmbare. Es wächst die Einsicht, dass der Mensch mehr ist als Körper, Biografie und Rolle. Diese Wahrnehmung berührt sich mit einem Verständnis von Materie, das sie als Feld aus Bewegung, Information und Potenzial beschreibt. Innere Haltung wirkt darin formend. Gedanken und Emotionen gewinnen Gewicht. Wirklichkeit zeigt sich als erfahrbarer Zusammenhang.
Das Tor der Engel greift diese Wahrnehmung auf, ohne sie auszudeuten. Zugleich wird spürbar, dass Modelle und Messungen nur einen Teil dessen erfassen, was menschliches Erleben prägt. Erkenntnis wächst dort, wo Erfahrung Raum erhält. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Erzählung: zwischen Ordnung und Offenheit, zwischen Benennung und unmittelbarer Wahrnehmung.
Trägt das Buch den Begriff Engel im Namen, so als Hinweis auf eine Wirklichkeit, die sich nicht vollständig benennen lässt. Diese Wirklichkeit zeigt sich als Teil eines größeren Zusammenhangs – so wie die Vielfalt der Lebewesen dieses Planeten auf mehr verweist als auf sich selbst.
Diese Ebene entzieht sich der Benennung und bleibt dennoch gegenwärtig.
Unsichtbare Wirklichkeit gewinnt Präsenz durch Wahrnehmung. Der Text greift dafür eine sehr alte Perspektive auf – eine Erinnerung an Zeiten, in denen Bewusstsein, Körper und Welt enger miteinander verbunden waren. In literarischer Verdichtung öffnet sich daraus ein Resonanzraum für Fragen, die bis in die Gegenwart reichen.
All dem wird Raum gegeben und Bewegung ermöglicht. Im Zentrum stehen Menschen und ihre Wege. Erfahrungen, die im Alltag entstehen: im Unterwegssein, in Begegnungen, im Austausch über viele Jahre hinweg. Daraus wächst der Boden dieser Erzählung.
Aus ihm formt sich der Versuch, Gedanken anders zu erleben – als etwas, das betreten werden kann. Eine Wirklichkeit, die sich erfahren lässt. Wahrnehmung gewinnt Gestalt, inneres Erleben wird räumlich.
Im gelebten Leben
Dieses Buch folgt keinem spirituellen Anspruch. Es beruht auf Beobachtung. Auf dem Leben mit meinen fünf Kindern – drei Jungen und zwei Mädchen – und auf dem, was sich im gemeinsamen Alltag gezeigt hat. Im Wachsen, im Scheitern, im Loslassen und im Weitergehen.
Diese früh erfahrbaren Wege zeigen, wie sehr ein Mensch über Gefühl lernt, lange bevor Worte oder Erklärungen zur Verfügung stehen. Sie machen jene Verschiebung sichtbar, die eintritt, wenn Denken hinzukommt und beginnt, Ordnung zu suchen in etwas, das als innerer Einklang längst wirksam war.
Das daran orientierte Schreiben richtet den Blick auf eine Realität im Menschen, auf das, was tatsächlich erlebt wird: innere Widersprüche, emotionale Prägungen, Entwicklung ohne feste Anleitung – und zugleich die Suche nach Zusammenhang. All das zeigt sich im gelebten Leben.
Diese Spannung zwischen Gefühl und Verstand erhält im Roman Gestalt – durch Menschen. Durch Figuren, geformt aus Nähe und Trennung, aus Neubeginn und Schmerz. Erfahrungen, die vielen vertraut sind.
Eine Figur Aus Erfahrung
Der Protagonist dieses Romans ist keine erfundene Heldenfigur. Er ist ein bewusst offener Entwurf, gespeist aus realen Erfahrungen. Er entsteht aus dem Zusammenspiel meines ältesten Sohnes Marc und meiner eigenen Perspektive.
Als ich vor achtzehn Jahren begann, Das Tor der Engel zu schreiben, ging es mir nicht darum, eine andere Welt zu erfinden. Es ging darum, meinen ältesten Sohn zu verstehen und seinen Weg zu begleiten. Seine Entscheidungen öffneten mir einen Blick auf eine Wirklichkeit, die immer schon da war und nicht die Absicht hatte, mit meiner zu konkurrieren. Ich staunte darüber, dass er die Mühen einer langen Ausbildung und eines abgeschlossenen Ingenieurstudiums hinter sich ließ, obwohl eine vielversprechende Laufbahn möglich gewesen wäre. Zugleich empfand ich großen Respekt vor dem, was er in jungen Jahren erkannt und konsequent gelebt hat.
Sein Weg und meiner entwickelten sich unabhängig voneinander und berührten sich in ihrer Wirkung. Jeder folgte eigenen Impulsen und Fragen. Zusammengenommen ergab sich daraus eine Vielzahl von Stationen – verteilt auf rund zweihundertfünfzig Orte dieser Welt.
Und weil ich Dinge besser verstehe, wenn ich sie aufschreibe, begann ich festzuhalten, was sich später als lebensverändernd erwies – ein behutsamer Versuch, das Vertraute mit dem zu verbinden, was viele von uns längst ahnen.
Der Protagonist Marc Miguel rettet niemanden und überwindet kein System. Seine Stärke liegt nicht in besonderen Fähigkeiten, sondern in seiner Bereitschaft, sich der Welt auszusetzen. Er tut im Grunde das, was auch im wirklichen Leben notwendig ist: Er geht. Er schaut hin. Er hält aus.
Im Roman verdichtet sich diese Haltung zu der Erkenntnis, dass Einsicht nicht dort entsteht, wo man ankommt. Sie entsteht dort, wo man bereit ist, sich berühren zu lassen. Von Menschen. Von Situationen. Von sich selbst. Der Roman verspricht keine Lösungen. Er führt durch Erfahrungen.
Dieses Buch lädt nicht dazu ein, etwas zu glauben. Es lädt dazu ein, sich selbst wieder wahrzunehmen.
An der Schwelle
Das Buch war beinahe vollendet, als sich meine Wirklichkeit schmerzlich verdichtete. Mein jüngster Sohn, Julius, verließ diese Welt. Keine Theorie, kein Glaube, keine Sprache hält diesen Fall auf.
Lange blieb offen, ob Das Tor der Engel unter diesem Gewicht weitergehen kann. Die Entscheidung weiterzuschreiben bedeutete nicht, dem Schmerz ein Buch entgegenzusetzen. Dieses Buch hält ihn nicht auf. Es trägt seine Wandlung – und gibt ihr Sprache.
Julius ist im Roman Júlio. Nicht als Trostfigur, sondern als Zeugnis dafür, dass Musik und Geist ihre Gestalt verändern können, ohne zu vergehen. Was er war und ist, klingt weiter - in stillen Räumen zwischen zwei Sätzen, in Begegnungen, die sich einprägen, und in einem Wort für das, was Eltern ahnen, wenn sie das Unfassbare berühren: dass Liebe ihre Form wechseln kann und dennoch bleibt.
Von hier aus lässt sich Das Tor der Engel als das lesen, was es von Anfang an angelegt hat: als Übergang. Als Raum zwischen Erfahrung und Ahnung, zwischen dem Sichtbaren und dem, was sich erst im Inneren öffnet. Der Roman folgt dieser Bewegung, ohne sie festzuschreiben, und überlässt es dem Leser, wie weit er ihr folgen möchte.
Ich habe dieses Buch begonnen, um meinen ältesten Sohn zu verstehen. Ich habe es weitergeschrieben aus dem Wissen, dass die Verbindung zu meinem jüngsten fortbesteht. Am Ende steht eine Einladung an jene, die bis hierher gegangen sind, die eigene Schwelle wahrzunehmen. Klingt etwas davon nach, dann nicht, weil ich recht hätte, sondern weil es still genug geworden ist, um sich zu erinnern.
Mehr wollte ich nie. Und genau das bleibt.
Juel Marcand*
*Mein Pseudonym ist eine Hommage an Julius, den Jüngsten, und Marc Andreas, den Ältesten meiner fünf Kinder. Gemeinsam bilden sie einen lebendigen Rahmen, der auch mich einschließt.
